Forderungen

Allgemeine Forderungen:

  • Finanzierung und Unterstützung von Beratungsstellen von Betroffenen für Betroffene sowie eine Gesetzesinitiative zur Etablierung von hauptamtlichen, bezahlten und unabhängigen Patientenvertrauenspersonen für den stationären, ambulanten und komplementären Bereich (inkl. Heime, WfB, Forensik etc.)

  • Finanzielle und ideologische Unterstützung alternativer Projekte zur Psychiatrie (Weglaufhäuser etc.) sowie den Ausbau von Soterien oder soteriaähnlichen alternativen Abteilungen in psychiatrischen Kliniken.

  • Bereitstellung niederschwelliger Krisen- und Interventions-dienste mit Notfallbetten.

  • Einsetzung einer Heim-Enquete, um das Heim(un) wesen öffentlich auf dem Prüfstand zu stellen.

  • Empowerment statt Betreuung und Bevormundung. (Motto: Frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten.) Teilnahme statt Ausschluss bei wesentlichen politischen Diskussionen wie z.B. Ethik- und Forschungsgremien. Ständig freier Internetzugang in allen psychiatrischen Einrichtungen als zeitgemäße Form der Nutzer- und Qualitätskontrolle.

  • Einführung eines Suizidregisters, vor allem unter besonderer Berücksichtigung der zuvor verabreichten Psychopharmaka, Elektroschocks, Fixierungen und Isolierungen.

  • Psychiatrie-Erfahrene mit Kinder- und Jugendpsychiatrie-erfahrungen erhalten das Recht und die Unterstützung, auf Wunsch einen/ihren Jugendpsychiater konsultieren zu dürfen.

  • Schutz- und Rückzugsräume für Frauen als Standard für alle Psychiatrien, mit rein weiblichem Personal und frauenspezi-fischen Therapien. Frauenspezifische Gewalterfahrungen, wie z.B. sexualisierte Gewalt dürfen nicht negiert und tabuisiert werden; diese Frauen dürfen in der Klinik erst recht keiner erneuten Gewalterfahrung ausgesetzt sein. Der Psychophar-makaeinsatz darf nicht – wie die Regel – statistisch höher liegen als bei Männern.

  • Schluss mit der Ghettoisierung von Psychiatrie-Erfahrenen in gemeindespsychiatrischen Subkulturen (Heim, WfB, Tages-stätte, Selbsthilfegruppen),

  • Grundrecht auf ausreichenden Wohnraum mit und ohne Handicap. Schluß mit den Wartezeiten von 6 – 12 Monaten z.B. in den neuen Bundesländern beim betreuten Wohnen.

  • „Ambulant vor stationär“ auch für psychiatrische Patienten; sie sollen zwischen ambulant und stationär wählen dürfen und können.

  • Tarifliche Entlohnung in den Behindertenwerkstätten (keine Almosen)

  • Beteiligung an Betriebsratswahlen und Gewerkschaftsver-tretung

  • Weg mit den Scheinarbeitsverträgen

  • Echte berufliche Rehabilitation nach den Fähigkeiten des Einzelnen – statt Frühberentung Integration in den ersten Arbeitsmarkt

  • Zuverdienst und Teilzeitarbeit

  • Recht auf Hilfe und Unterstützung zur dauerhaften Stabili-sierung, die eine Weiterbehandlung erübrigt.

  • Belastungsabhängige, zeitlich begrenzte, finanzielle Unter-stützung als Präventivmaßnahme zur Vermeidung „sozialer Psychosen“ und damit einhergehender Psychiatriesierungen.

  • Unbürokratische Genehmigung von Kurmaßnahmen zur Unterstützung psychischer und physischer Stabilisierung bzw. zur Förderung positiven Streßmanagements.

5  Ergänzungen:

Wir kritisieren hartnäckig seit Jahren den ignoranten Umgang der PsychiaterInnen mit unseren 6 Forderungen zur stationären Psychiatrie. (Patiententelefone in Kabinen auf den Stationen, zugänglicher Münzkopierer, (Brief)papier und Briefmarken, BPE- Flugblattaushang auf den Stationen, täglicher Spaziergang, Teeküche auf jeder Station.)

Das bisherige Dokumentationssystem der Psychiatrien etc. berücksichtigt nur unzulänglich die Patientenrechte.

Ständig freier Internetzugang in allen psychiatrischen Einrichtungen als zeitgemäße Form der Nutzer- und Qualitätskontrolle und zur Aufrechterhaltung des Kontakts mit FreundInnen, der Familie, der SHG´s etc.

Wir fordern die rechtliche Absicherung von Vorausverfügungen sowie Schutz vor ambulanter Zwangsbehandlung und gewaltsamen Elektroschock. Die UN-Behindertenrechtskonvention sollte verbindlich eingehalten werden.

Wir fordern von den PolitikerInnen und den PsychiaterInnen, uns nicht länger von wesentlichen Diskussionen auszuschließen wie z.B. Ethik- und Forschungsgremien.

Forderungen zur Enthospitalisierung aus Heimen:

Auf der Sprecherkreissitzung der Landesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener Niedersachsen e.V., (LPEN) wurden am 12. April 2003 in Hannover nachfolgende „Forderungen zur Enthospitalisierung aus Heimen“ aufgestellt:

  • Wünsche der Betroffenen sind unbedingt zu respektieren.

  • Absenkung der Zahl der Heimplätze um mindestens 50 Prozent.

  • Jeder Kostenträger muß mindestens 50 Prozent der Kosten in den ambulanten Bereich investieren, mit den Schwerpunkten Bürgerhilfe und Selbsthilfe.

  • Bei Neuinvestitionen sollen alternative Projekte Vorrang haben: wie z.B. selbstverwaltete Wohngemeinschaften, selbstver-waltete Firmen und Weglaufhäuser.

  • Kein Neubau von Heimen, statt dessen Nutzung vorhandener Wohnmöglichkeiten.

  • Bereitstellung kommunaler Wohnungen für schwierige Bewohner.

  • Betreutes Wohnen darf nicht mit betreuten Psychopharmaka-einnahme einhergehen! Psychopharmakaeinnahme gehört nicht in Mietvertragsklauseln!)

  • Veröffentlichung der statistischen Erfassung der Heimplätze.

  • Freie Arztwahl für Heimbewohner.

  • Keine Schweigepflichtsentbindung als Voraussetzung der Aufnahme in Heime oder betreutes Wohnen.

  • Keine Einschränkung von Wahlmöglichkeiten durch die Sektorpsychiatrie; schlechte Einrichtungen sollen am Markt verlieren können.

  • Aufbau unabhängiger Beschwerdestellen unter Federführung der Psychiatrie-Erfahrenen.

  • Psychiatrie-Erfahrene sollen als MitarbeiterInnen beschäftigt werden.

Patientenvertrauensleute für Psychiatrie-Erfahrene:

Psychiatriebetroffene sind in Rechtsstaaten die einzigen Menschen, denen die Freiheit entzogen werden darf, ohne dass sie eine Straftat begangen haben, und die ohne Zustimmung behandelt werden dürfen. Diese Verletzung der Persönlichkeitsrechte erfordert einen Ausgleichsfaktor in Form einer unabhängigen, kompetenten und legitimierten Beschwerdeinstanz. Deshalb fordern wir eine einheitliche gesetzliche Verankerung mit dem Rechtsanspruch auf Vertretung durch Patientenvertrauenspersonen bzw. Patientenan-wältInnen. Das Gesetz muß umfassen:

  • Unabhängigkeit sowie Parteilichkeit (entscheidend ist die Sichtweise der Betroffenen)

  • hauptamtliche Tätigkeit (auch auf Teilzeitbasis)

  • Bindung an den Auftrag der Beschwerdeführer

  • gute Erreichbarkeit, aktive Kontaktaufnahme

  • Zuständigkeit für den stationären und ambulanten Bereich einschließlich der Gerichtspsychiatrie

  • Befugnisse und Sanktionsmöglichkeiten gegenüber den Institutionen

  • Recht und Pflicht zum Aufzeigen struktureller Mängel in Entscheidungsgremien (einschließlich Stimmrecht), Kooperation und Vernetzung mit Betroffenengruppen

  • Qualifikation und Qualifizierung der Patientenvertrauensleute bzw. PatientenanwältInnen

  • Beteiligung von Psychiatriebetroffenen bei der Wahl von Patientenvertrauenspersonen bzw. PatientenanwältInnen (mit Vetorecht)

  • Kontrolle der Patientenvertrauenspersonen bzw. Patientenan-wältInnen auch von seiten der Psychiatriebetroffenen (einschließlich Sanktionsmöglichkeiten).

Forderungen an die privaten Investoren der niedersächsischen LKH's:

  • In jeder Klinik sollte mindestens eine Soteria-Station vorhanden sein.

  • Nach Möglichkeit keine Mehrbettzimmer, (Einzelzimmer sind wegen der Wahrung der Privatsphäre des Patienten den Mehrbettzimmern vorzuziehen).

  • Die Patientenzimmer sollten grundsätzlich mit Dusche und WC ausgestattet sein.

  • Der Ausgang, insbesondere für Patienten mit Ausgangssperre und -beschränkungen, sollte für mindestens 1 Stunde täglich gewährleistet sein, z. B. im eingezäunten Bereich wie Garten, Innenhof oder Terrasse.

  • Einrichtung eines unabhängigen Patientenfürsprechers in allen LKH's, der für jeden Patienten zugänglich sein muss.

  • Die Möglichkeit einer Behandlungsvereinbarung für jeden Patienten in allen LKH's. Der Patient ist bei der Entlassung umfassend darüber zu informieren.

  • Informationsmaterial über Psychiatrie-Erfahrenen Selbsthilfegruppen und Behandlungsvereinbarungen sind auf allen Stationen auszulegen.

  • Mehr Gespräche und weniger Medikamente für den Patienten.

  • Eine offene Patientenküche.

  • Auf allen Stationen muss das Telefonieren grundsätzlich erlaubt sein (Telefonzelle oder Kabine zum ungestörten Telefonieren)

  • Gewaltminimierung im Sinne des Herner Psychiaters Matthias Krisor.

  • Jeder Patient sollte das Recht und die Möglichkeit zum Kopieren haben.

  • Empathische und gewaltfreie Gespräche sollten unbedingte Behandlungsgrundlage sein.

  • Verpflichtende Teilnahme an Psychoseseminaren/Trialog für alle Behandler.

  • Sinnvolle tagesstrukturierende Maßnahmen für alle Patienten